Electric Callboy – „TANZNEID“: Die Party kennt keine Genregrenzen

Wenn eine Band in den vergangenen Jahren bewiesen hat, dass Metal weder bierernst noch vorhersehbar sein muss, dann ist es Electric Callboy. Mit „TANZNEID“, das am 7. August 2026 erscheint, setzen die sechs Musiker ihren eingeschlagenen Weg konsequent fort – allerdings nicht nach dem Motto „mehr vom Gleichen“, sondern mit einer noch größeren Portion Mut, Selbstironie und musikalischer Experimentierfreude. Die bereits veröffentlichten Singles vermitteln bereits vor dem Albumstart einen sehr klaren Eindruck davon, wohin die Reise geht.

Ein Sound, der sich jeder Schublade verweigert

Electric Callboy bleiben ihrem Markenzeichen treu: Sie verbinden Metalcore mit elektronischer Tanzmusik, Pop, Hardstyle, Eurodance und einer gehörigen Portion Humor. Was auf dem Papier nach einem musikalischen Chaos klingt, entwickelt sich in der Praxis zu einem erstaunlich stimmigen Gesamtbild.

Die Grundlage bilden weiterhin massive Gitarrenriffs, druckvolle Breakdowns und die markanten Screams von Kevin Ratajczak. Darüber legen sich eingängige Refrains, elektronische Synthesizer, Dance-Beats und Melodien, die problemlos auch auf einer Festival- oder Clubbühne funktionieren würden.

Gerade dieser Kontrast macht den besonderen Reiz der Band aus. Statt zwischen harten und eingängigen Passagen zu wechseln, verschmelzen beide Welten mittlerweile nahezu selbstverständlich miteinander.

Nostalgie trifft moderne Produktion

Ein auffälliges Stilmittel von „TANZNEID“ ist der bewusste Rückgriff auf musikalische Erinnerungen der 1990er- und 2000er-Jahre. Eurodance, Boygroups und Pop-Punk werden dabei jedoch nicht einfach kopiert, sondern mit modernen Metalcore-Elementen kombiniert.

Der Titelsong greift die Energie klassischer Eurodance-Hymnen auf und verbindet sie mit der Wucht moderner Metalproduktionen. Das Ergebnis wirkt gleichzeitig vertraut und überraschend neu.

Besonders deutlich wird dieses Konzept bei „The Way You Are“. Der Song beginnt wie eine übertriebene Boyband-Ballade der späten 90er-Jahre, bevor er sich plötzlich in einen kompromisslosen Deathcore-Ausbruch verwandelt. Genau diese bewusst inszenierten Stilbrüche gehören mittlerweile zur DNA der Band und zeigen, wie spielerisch Electric Callboy mit musikalischen Erwartungen umgehen.

Produktion auf internationalem Niveau

Schon die Vorab-Singles lassen erkennen, dass die Produktion nochmals deutlich verfeinert wurde. Gitarren und elektronische Elemente besitzen mehr Transparenz, die Bassfrequenzen wirken kontrollierter und dennoch enorm druckvoll, während die Gesangsspuren sauber voneinander getrennt bleiben.

Besonders das Zusammenspiel der beiden Frontmänner profitiert davon. Nico Sallach liefert eingängige Melodien mit Pop-Appeal, während Kevin Ratajczaks aggressive Screams mehr Präsenz besitzen als auf früheren Veröffentlichungen. Die Dynamik zwischen beiden Stimmen bleibt eines der wichtigsten Erkennungsmerkmale der Band.

Hochkarätige Gäste ohne Selbstzweck

Electric Callboy setzen erneut auf prominente Kollaborationen, allerdings wirken diese nicht wie Marketingmaßnahmen, sondern fügen sich organisch in den jeweiligen Song ein.

Bereits „RATATATA“ mit BABYMETAL entwickelte sich zu einem der größten Erfolge der vergangenen Jahre und demonstrierte eindrucksvoll, wie gut unterschiedliche Musikkulturen miteinander harmonieren.

Mit „Still Waiting“ ist außerdem Schlagzeuger Frank Zummo beteiligt, während „Let The Good Times Roll“ den wohl prominentesten Gastauftritt des Albums bietet. Tatsächlich arbeitet die Band dabei nicht mit der kompletten Punkrock-Legende The Offspring zusammen, sondern mit deren Sänger Dexter Holland, dessen Stimme den Song entscheidend prägt. Diese Unterscheidung ist wichtig, da häufig von einer vollständigen Band-Kollaboration gesprochen wird, obwohl im Song in erster Linie Holland zu hören ist.

Musik für die Bühne

Kaum eine moderne Metalband versteht es so gut, Studioaufnahmen in Live-Energie zu übersetzen. Bereits die Vorab-Veröffentlichungen besitzen hymnische Refrains, einfache Mitsing-Passagen und Breakdowns, die geradezu für Moshpits geschrieben wurden.

Die laufende „TANZNEID World Tour“ bestätigt diesen Eindruck. Viele neue Songs funktionieren live bereits hervorragend und zeigen, dass Electric Callboy ihre Musik längst nicht mehr ausschließlich für das Studio schreiben, sondern immer auch die Festivalbühne im Blick haben.

Gibt es auch Kritik?

Ja – allerdings fällt sie vergleichsweise moderat aus.

Ein häufiger Kritikpunkt lautet, dass Electric Callboy ihre erfolgreiche Formel inzwischen sehr konsequent wiederholen. Wer auf eine radikale stilistische Neuausrichtung gehofft hat, dürfte deshalb kaum überrascht werden.

Auch „Let The Good Times Roll“ polarisiert etwas stärker als andere Singles. Während viele Fans die lockere Sommerstimmung und die Zusammenarbeit mit Dexter Holland feiern, empfinden manche den Song als etwas zu vorhersehbar oder wünschen sich einen härteren Breakdown. Andere sehen gerade darin den Charme des Stücks: Es möchte vor allem Spaß machen und erhebt gar nicht den Anspruch, das härteste oder experimentellste Lied der Band zu sein.

Fazit

Schon vor der Veröffentlichung deutet vieles darauf hin, dass „TANZNEID“ die Erfolgsgeschichte von Electric Callboy nahtlos fortsetzt. Das Album versucht nicht, die Band komplett neu zu erfinden. Stattdessen verfeinert es das Erfolgsrezept aus kompromissloser Härte, eingängigen Melodien, elektronischen Beats und einer gehörigen Portion Selbstironie.

Gerade darin liegt die große Stärke der Band. Electric Callboy nehmen ihre Musik ernst, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen. Sie schaffen es, Metalcore-Fans ebenso anzusprechen wie Hörer, die normalerweise mit harter Musik wenig Berührungspunkte haben.

Wenn die Qualität der bereits veröffentlichten Singles stellvertretend für das gesamte Album steht, dürfte „TANZNEID“ erneut zu den spannendsten und unterhaltsamsten Metal-Veröffentlichungen des Jahres gehören. Es ist Musik für Moshpit und Tanzfläche gleichermaßen – laut, überdreht, technisch hervorragend produziert und mit einem Augenzwinkern präsentiert.


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Mit „TANZNEID“ kehren Electric Callboy zurück.

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