Phoebe Bridgers, sechs Jahre nach Punisher und dem Boygenius-Hype bist du zurück – und die Kritik überschlägt sich natürlich sofort. Lost Weekend sei das nächste unfehlbare Meisterwerk, ein „No-Skips-Record“, vergleichbar mit Elliott Smith, mutig, erschütternd, ein Highlight 2026. Feuilleton und Indie-Blogs feiern die düstere „Mutigkeit“, die Orchester-Explosionen und die messerscharfen Texte über Vaters Tod, geplatzte Verlobung und Promi-Entfremdung.
Aber ehrlich: Der Hype ist zu laut. Das Album ist gut, stellenweise richtig stark – aber kein makelloses Monument.
Klanglich wird mehr gewagt als früher: Vocoder auf „The Outside“, Synth-Nebel, Folktronica-Experimente, Jack Antonoff, Alex G und Bo Burnham an Bord. Die Dynamik sitzt, wenn sie sitzt. „Lost Boys“ ist der absolute Peak – locker gezupft, dann bläsergestützt, crescendo-mäßig durch die Decke. „Kill Me“ und „As Above“ knallen mit leisen Intros und plötzlichen Beats, „Bobby“ klingt fast schon upbeat und verliebt. Textlich bleibst du messerscharf zwischen poetischem Schmerz und trockenem Humor.
Doch bei 16 Tracks und über 50 Minuten schleicht sich Ballast ein. Skizzenhafte Interludes wie „Other Plans“ oder „Lost Parade“ bremsen den Fluss unnötig. Die Produktion wirkt manchmal zu kalkuliert – der Antonoff-Effekt macht aus roher Nähe glatte, arena-taugliche Inszenierung. Zur Mitte wird die schleppende Melancholie repetitiv. Man muss diese düstere Atmosphäre schon sehr mögen, um nicht wegzudriften.
Kurz: Rosinen rauspicken und du hast einige der besten Indie-Songs des Jahres. Als Gesamtkunstwerk verlangt Lost Weekend aber Sitzfleisch und Nachsicht. Gut, mutig, mitreißend – aber kein unfehlbares Meisterwerk. Der Hype relativiert sich, sobald man den Echo-Raum verlässt.
Phoebe Bridgers – "Lost Weekend"
„Lost Weekend“ ist das erste Album von Phoebe Bridgers seit dem mehrfach für den GRAMMY nominierten Vorgänger „Punisher“ aus dem Jahr 2020.




